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Journalisten, ihre Debatte und der große Satan

Die Debatte über die Zukunft des Journalismus ist in Deutschland seit einigen Monaten auf höhere Touren gekommen – aber leider noch nicht auf das angelsächsische Niveau. Alle entscheidenden Ideen, die bei uns aufpoppen, stammen eigentlich aus den USA: Paywall, Huffington Post, Curated News, Data Journalism – you name it! Kleiner Witz dabei am Rande: Während Amerika bei uns in den Medien politisch gerade mal wieder als großer Satan gilt (NSA! Obama!Merkelhandy!), ist der deutsche Glaube an die Boten des amerikanischen Digitalfortschritts völlig ungebrochen (Google! Apple! Facebook!).

Der große Unterschied der Debattenkultur dies- und jenseits des Atlantiks zeigt sich an den Teilnehmern der Diskussion: In den USA reden Techies und Geeks, Professoren und Ökonomen, Marketing-Menschen und Designer kräftig mit. Und tragen durchaus Substanzielles zur Diskussion bei. Nur ein Beispiel: mein alter Freund Mario Garcia, der Groß- und Altmeister des Zeitungsdesigns: http://garciamedia.com/blog/
Bei uns diskutieren Journalisten mit Journalisten und gegen Journalisten über Journalismus. Natürlich mischen sich manchmal auch Verlagsleute ein, aber eher selten. Und wenn, dann reden sie meist auf der Meta-Ebene („Content ist nicht alles, aber ohne Content ist alles nichts“). Die Selbstkasteiung der Journalisten kommt manchen Verlagsleuten vielleicht auch gerade recht. Denn in ihren eigenen Verantwortungsbereichen explodiert ja in der Regel nicht gerade die Kreativität. Beispiel Abo-Werbung: Jeden Tag finde ich in irgendeiner Zeitung oder in irgendeinem Magazin einen Lieber-Leser-Brief. Ich soll, bitteschön, an einer Umfrage teilnehmen. Oder meine Meinung auf ein paar Multiple-Choice-Fragen kundtun. Und bekomme dafür, Surprise! Surprise!, als „kleines Dankeschön“ ein Probeabo. Man hat das Gefühl: Alle machen schon seit Jahren immer das gleiche. Niemand fällt etwas Neues ein. Was soll man z.B. von der Abo-Werbung beim „Manager Magazin“ halten: http://abo.manager-magazin.de/de/c/mm/jahres-abo
Braucht der künftige MM-Leser wirklich einen Steckschlüsselsatz, um sich vom Vorteil eines Abos überzeugen zu lassen? Man darf daran zweifeln.
Fakt ist auf jeden Fall: Das Überleben von Qualitätsmedien hängt nicht nur von gutem Journalismus ab, sondern beispielsweise auch von kreativer Vermarktung. Von der richtigen Preispolitik. Von der richtigen Werbung. Von neuen Vertriebsformen. Von neuen Geschäftsmodellen, die wirklich funktionieren. Auch darüber muss geredet werden.

Bernd Ziesemer

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