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Zehn zornige Thesen zur Zukunft der Zeitung – revisited five years later

Was kümmert uns unser Geschwätz von gestern? Diesen Sinnspruch sagt man gerade Journalisten nach. Grund genug für mich, mir einmal meine „Zehn zornigen Thesen zur Zukunft der Zeitung“ anzuschauen. Geschrieben vor fast 5 Jahren.
Eigentlich war es ja eine Rede, damals gehalten als Chefredakteur des Handelsblatts auf dem „Tag für Wirtschaftsjournalisten“ der Kölner Schule. Aber das Medium Magazin bat mich anschließend, einen leicht gekürzten Text daraus zu machen. Er sorgte für einige Diskussionen – vielleicht auch und gerade, weil er so polemisch war. Hier zum Nachlesen die damaligen Thesen:
http://www.mediummagazin.de/magazin-plus/zehn-zornige-thesen-zur-zukunft-der-zeitung/
Was hat von meinen zehn zornigen Thesen zur Zukunft der Zeitung den Test der Zeiten bestanden und was nicht? Was war schlau, was war dumm?
These Eins: Die „gute alte Trennung zwischen Redaktion und Anzeigengeschäft“ sei „akut gefährdet“.
Leider ist es genau so gekommen. Und wir Journalisten gehen nicht selbstkritisch und offen genug mit diesem Thema um.
These Zwei: „Zu viele Chefredakteure reden als ob sie Verlagsmanager wären.“
Das stimmt immer noch. Von wenigen Ausnahmen abgesehen.
These Drei: Zu viele Verlagsmanager seien „kulturelle Analphaten“, die selbst gar nicht Zeitung lesen.
Das hat sich eher noch verschlimmert. Wahr ist allerdings auch: Viele Journalisten sind betriebswirtschaftliche Analphabeten und erkennen die Zeichen der Zeit nicht.
These Vier: In der Printbranche herrsche eine „merkwürdige Mischung aus Bullshitting und Masochismus“.
Leider immer noch wahr.
These Fünf: Von einigen „Medien-Bloggern“, ziemlichen „Dummschwätzern“, stamme die völlig falsche Empfehlung, „ganz auf das Medium Online zu setzen“.
Das war ziemlich arrogant und viel zu simpel. Mea culpa maxima! Nun bin ich selbst so eine Art „Medien-Blogger“ und sage: Die Zeitungen waren damals zu langsam, die digitale Herausforderung wirklich anzunehmen. Auch ich war als Chefredakteur viel zu langsam. Allerdings bleibe ich dabei: Gedruckte Qualitätszeitungen wird es noch ziemlich lange geben.
These Sechs: Die These, die Zeitung werde in „fünf bis zehn Jahren“ vom „iPhone gekillt“, sei völlig falsch.
Die fünf Jahre sind fast schon um – also kann jeder selbst urteilen, was richtig oder falsch ist.
These Sieben: Die damalige Zusammenlegung der Wirtschaftsmedien von Gruner+Jahr zu einer Zentralredaktion sei völlig falsch.
Das Modell „Fischsuppe“ ist tatsächlich gescheitert – zumindest bei den betroffenen Wirtschaftsmedien. Viele Kollegen verloren ihre Arbeitsplätze, eine traurige Sache. Trotzdem steht die Fischsuppe überall in den Verlagen auf dem Menü als wäre sie der Weisheit letzter Schluss.
These Acht: Medienjournalisten sollten öfter mal in die Archive schauen statt mit dem „Langzeitgedächtnis einer Ameise“ zu arbeiten.
Stimmt immer noch.
These Neun: Miriam Meckel betonte völlig zu Recht, letztlich gehe es für Journalisten immer noch und immer wieder darum, „die Welt zu erzählen“.
Ja! Nur nennt man es heute neudeutsch „Storytelling“.
These Zehn: Es gebe immer noch Verleger, die diese „konservative, fast altmodische Sichtweise“ teilten.
Ja. Aber es werden immer weniger.

Bernd Ziesemer

2 Kommentare

  1. Leider reden die meisten Journalisten ihr Produkt und dessen Zukunft immer noch schlecht. Dabei waren die Zeiten für guten Journalismus noch nie so gut. NSA! Offshore-Leaks! – Solche Geschichten zeigen, dass Zeitungen, gerade wenn sie im internationalen Verbund arbeiten, unglaublich viel bewegen, unglaublich viel erreichen können.

    Vor zwei Jahren dachten alle noch: Wikileaks ist die Zukunft des Journalismus. Man stelle einen Datenpool ins Netz – fertig! Was für ein Irrtum. In einer Welt der Informationsüberflutung braucht es mehr denn je gute Journalisten, die das Wichtige vom Infomüll trennen, die einordnen, bewerten, hinterfragen, erklären. Und es gibt – entgegen aller Thesen, die Medienblogger, Medienberater und andere Schwätzer verbreitet haben – eben auch Menschen, die bereit sind, dafür zu zahlen. Die Geschäftsmodelle werden sich wandeln. Online first – und das noch für lau: Davon kann kein Medium leben, zumal nicht in einer Welt, in der immer mehr Menschen das Netz auf dem Smartphone nutzen, auf dem es kaum Platz für Anzeigen gibt. Das einzig logische Geschäftsmodell für guten Journalismus ist Paid-Content – und zwar unabhängig vom Vertriebsweg, unabhängig von Print, Online oder App.

    Deshalb: Die zehn zornigen Thesen sind aktueller denn je.

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