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Warum Zeitungen ihr Gedächtnis verlieren

Man muss nur alt genug werden, so bemerkte der Schriftsteller Ernst Jünger, um „alles und das Gegenteil von allem erlebt zu haben“. Allerdings setzt das ein Mindestmaß an Erinnerungsvermögen voraus – und unsere Zeitungen sind dabei, ihr Gedächtnis zu verlieren.
Mir fällt immer öfter auf, dass viele Zeitungen kaum noch historische Parallelen ziehen. Nehmen wir zum Beispiel die aktuelle Berichterstattung über die Große Koalition. Zwar räsonieren alle Kommentatoren immer mal wieder über Angela Merkels erstes Regierungsbündnis mit der SPD 2005. Aber kaum ein Journalist erinnert auch mal an die erstaunlichen Parallelen zwischen 2013 und 1966 – der Zeit der ersten Großen Koalition in Deutschland. Damals berichtete der „Spiegel“: Das Bündnis mit der Union stürze die SPD in eine „schwere Parteikrise“:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46415332.html
Könnte es heute bei den Verhandlungen über die Große Koalition nicht genau so kommen? Was passiert, wenn die Mitgliederbefragung scheitert?
Woran liegt es, dass die Zeitungen ihr Gedächtnis verlieren? An den Archiven sicher nicht – nie war es leichter als heute für einen Redakteur, digitalisierte Informationen über die jüngere Vergangenheit zu finden. Eine wahre Schatztruhe sind die früheren Ausgaben des „Spiegel“, die allgemein zugänglich sind. Um etwas zu suchen, muss man aber über ein Mindestmaß an Vorwissen verfügen. Damit man überhaupt suchen kann, was man finden will. Und daran hapert es offenbar.
Die Ursachen dafür sind vielfältig – zum Beispiel die allgemeine Hektik in den Redaktionen, wo viele Journalisten kaum noch zum Nachdenken kommen. Oder der Zwang, immer neue Säue durchs mediale Dorf zu treiben, um Klicks zu generieren. Eine Hauptursache aber sollte man nicht unterschätzen: Es gibt immer weniger altgediente Journalisten, die sich schon seit längerer Zeit kontinuierlich mit einem Thema (einer Partei, einem Unternehmen, einem Ministerium) beschäftigen. Früher nannte man sie „Fachredakteure“. Aber sie sterben aus – und mit ihnen stirbt das Gedächtnis der Medien.

Bernd Ziesemer

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