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Medien, Klickhurerei und journalistischer Selbstmord

Es war eine Meldung wie gemacht für den Boulevard: „Nordkoreas Diktator Kim verfüttert seinen gestürzten Onkel an die Hunde“. Das erste Problem dabei: Die Meldung war falsch. Das zweite Problem: Selbst seriöse Online-Medien fielen darauf rein. Das Hauptproblem aber ist ein ganz anderes: Die Abschreiberei hat in den meisten Online-Medien Methode.
Die britische Nachrichtenagentur Reuters brachte es an den Tag: Die Nordkorea-Meldung war mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr als ein Stück geschmackloser Satire:
http://www.reuters.com/article/2014/01/06/us-korea-north-jang-idUSBREA050DP20140106
Sie verbreitete sich rund um den Erdball, weil selbst seriöse Online-Medien ständig auf der Jagd nach Stories sind, die viele Klicks ziehen. Je absurder die Geschichte, umso mehr Menschen lesen sie. Was früher nur die Devise des Boulevards war, gilt mittlerweile auch in vielen – ja den meisten – deutschen Nachrichtenangeboten.
Es geht nicht mehr um einzelne Verstöße gegen guten journalistischen Anstand, sondern um ein generelles Problem der Online-Medien. Das Stichwort, das diese Fehlentwicklung befördert, heißt neudeutsch: „News Aggregatoren“. Einige Angebote wie zum Beispiel die www.huffingtonpost.de leben fast vollständig von fremden Meldungen. Aber auch www.spiegel-online.de oder www.focus-online.de beziehen an manchen Tagen mehr als die Hälfte ihrer Stories aus anderen Quellen. Meist wird die Quelle sauber zitiert – aber eben nicht mehr überprüft. Erweist sich eine Story später als falsch, schiebt man die Schuld auf das Medium, von dem man sie übernommen hat. Frei nach der alten Devise: Diese Story hatten wir zweimal exklusiv – erst die Meldung selbst und dann das Dementi.
Mit der allgemeinen Abschreiberei gräbt sich der seriöse Journalismus langfristig sein Grab. Die Klickhurerei muss aufhören – oder große Medien-Marken vernichten sich selbst.

 

Bernd Ziesemer

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