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Brand Eins oder: Print lebt!

Meine Laudatio auf Gabriele Fischer, „Chefredakteurin des Jahres“ 2013, auf der Veranstaltung des „Medium Magazins“ am 3. Februar 2014 in Berlin. Wie schafft man es, den Einzelverkauf um 114,32 Prozent zu steigern in 10 Jahren, während die gesamte Zeitungs- und Zeitschriftenbranche über fallende Auflagen jammert?

Die Brandstwiete ist eine kleine Straße in Hamburg zwischen Innenstadt und Speicherstadt. Benannt ist sie nach HEIN BRAND, der im Jahre 1410 den Herzog Johann von Sachsen-Lauenburg auf offener Straße beschimpfte, weil der Edelmann seine Schulden bei ihm nicht bezahlen wollte. Die Hamburger Obrigkeit warf Hein Brand darob ins Gefängnis – und löste damit einen Aufstand der empörten Bürger aus.Das Magazin Brand Eins leitet seinen Namen von der Brandstwiete ab, weil dort die ersten Nummern der Zeitschrift entstanden. Offenbar fuhr den Macherinnen und Machern des Magazins damals in der Brandstwiete der Genius Loci in die Gebeine, die Tollkühnheit Hein Brands, sein freches Wort. Schon auf den Namen musste man kommen! Brand Eins! Wären die Marketing-Fuzzis eines Großverlags ans Werk gegangen, dann hieße das Blatt wahrscheinlich irgendetwas mit „Business“, „Cash“ oder „Bullshit Bongo“. Doch Gabriele Fischer, die Gründerin und Chefredakteurin von Brand Eins ging ihren eigenen Weg – und sie geht ihn bis heute.
Es gab Phasen, da stand Brand Eins auf der Kippe. Und ich habe mehrfach selbst erlebt, wie sich die Manager großer Verlage mit Häme über das Projekt erhoben, eine ganz andere Wirtschaftszeitschrift in Deutschland zu machen als es sie bis dahin gab. Sie prophezeiten den baldigen Tod, mehrfach. Wer sollte so etwas Sperriges lesen, wer sollte es kaufen. Inzwischen sind die Stimmen der Besserwisser verstummt. Denn diese Herren glauben bekanntlich nicht an das Wort, sondern nur an Zahlen. Und die Zahlen sprechen für sich: In zehn Jahren, zwischen 2003 und 2013 ist die Zahl der Abonnenten um 32,71 Prozent gestiegen. Der Einzelverkauf um 114,32 Prozent. Es gibt keine andere Wirtschaftspublikation in Deutschland, die solche Zahlen vorweisen kann.
Viel wichtiger aber noch ist: Gabriele Fischer zeigt, wie man über journalistische Qualität nicht nur redet, sondern verwirklicht. Man liest in Brand Eins Geschichten, die man sonst nirgends lesen kann. Lange Geschichten, kluge Geschichten. Mit phantastischen Überschriften wie „Die Falschen und das Echte“, „Der Sänger und sein Skalpell“ oder „Verrat für den Fortschritt“. Und immer mal wieder schießt Gabriele Fischer der Geist von Hein Brand in den Kopf und sie macht eine Überschrift wie im neusten Heft: „Kauf, Du Arsch“.
Gabriele Fischer gehört zu den seltenen Chefredakteurinnen und Chefredakteuren, die sich ganz auf ihr Blatt konzentrieren. Die dafür rackern. Die um jedes Heft ringen. Und die nicht ständig in Talkshows herumsitzen, sich im Glanz der Mächtigen sonnen oder in der Schickeria tummeln. Sie ist irgendwie eine altmodische Chefredakteurin – und vielleicht erklärt das, warum ihr Blatt über die Jahre immer jünger wirkt. Im Zeitalter der ewigen journalistischen Wiederholungen, der grassierenden Selbstähnlichkeit, wo alle im Mainstream schwimmen, fast immer mit dem Strom, hat Gabriele Fischer etwas Einmaliges in Deutschland geschaffen. Ich frage mich, warum Sie nicht längst den Preis als Chefredakteurin des Jahres gewonnen hat. Und freue mich besonders, das sie ihn heute bekommt.

Bernd Ziesemer

Ein Kommentar

  1. Auch nach so vielen Jahren freue ich mich jeden Monat neu – und mit mir die ganze Familie – auf brand eins. Es ist immer ein Gerangel, wer zuerst lesen darf…aber hier gilt natürlich „Ladies first“, weil meine Männer höflich sind. Und eigenltich in jeder Ausgabe gibt es Artikel, die besonders wichtig sind, für uns. Wir möchten nicht drauf verzichten und so manches Mal hatten wir Angst, es könnte unser BE nicht mehr geben, weil auch dort die Kosten steigen und wie in jedem Unternehmen, Gehälter gezahlt werden müssen. Umso froher sind wir, dass es bis jetzt ohne Pause erschienen ist und wir nun schon über fast 12 Jahrgänge verfügen, die selbstverständlich gesammelt werden!
    Schöne Grüße an das geniale Team von brand eins, und bitte weiter so!
    Beate Kalauch

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