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Daimler versus SWR – ein Fallbeispiel

Investigativer Journalismus lebt von vertraulichen Informationen. Doch die Informanten verfolgen ihre eigenen Interessen, die oft im Dunkeln bleiben. Ein Beispiel: der Streit zwischen Daimler und SWR um einen Film über Leiharbeit.
Dem Mediendienst Turi ist es heute einen Aufmacher wert: Der Autokonzern Daimler verklagt den SWR. Es geht um eine Undercover-Reportage von Jürgen Rose über Leiharbeiter – ein durchaus beeindruckender Fernsehfilm, der zur besten Sendezeit im Ersten lief. Nun streiten sich die Juristen, ob der Dreh mit versteckter Kamera rechtswidrig war oder nicht:
http://www.turi2.de/
Es gibt jedoch eine Geschichte hinter der Geschichte, die man kennen sollte: Die Vorwürfe gegen Daimler sind absolut nicht neu. Sie stammen von den oppositionellen Betriebsräten der Liste Alternative, die seit vielen Jahren mit der Mehrheitsfraktion der IG Metall um Einfluss im Unternehmen ringen. Der ganze Fall, den Jürgen Rose im SWR mit großem Aufwand aufrollt, findet sich im Kern bereits in einer Flugschrift der oppositionellen Liste aus dem Jahr 2010 (!!!):
http://www.alternative-info.org/Alternativen/2010/Nr84.pdf
Offenbar waren diese Betriebsräte die wichtigsten Informanten von Jürgen Rose – sie kommen in dem ganzen Film aber so gut wie gar nicht vor. Nur an einer Stelle blitzt für zwei Sekunden das Flugblatt der Liste auf.
Im Daimler-Konzern stehen in wenigen Wochen Betriebsratswahlen an. Schon im letzten Jahr, als der Film im Fernsehen lief, tobte der Wahlkampf. Es geht dieses Mal um mehr als sonst: Der mächtige Betriebsratschef und stellvertretende Aufsichtsrat, Erich Klemm, geht in Pension.
http://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/erich-klemm-daimler-betriebsratschef-geht-in-altersteilzeit/8955260.html
Klemm kommt in dem SWR-Film besonders schlecht weg und erscheint als ahnungslos. Die oppositionellen Betriebsräte der Alternative können sich darüber freuen.
Was lehrt das Ganze über investigativen Journalismus? Er ist zweifellos notwendiger denn je, gerade auch gegenüber mächtigen Konzernen. Aber man muss immer aufpassen, sich dabei nicht benutzen zu lassen.

Bernd Ziesemer

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