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Wie uns die FAZ an der Nase herumführt

Die FAZ dampft die Zahl ihrer Seiten zusammen – und kein Mediendienst bekommt es mit. Die Inhalte schrumpfen, der Leser ist der Dumme.


Die FAZ lese ich seit nunmehr fast 40 Jahren. Da schaut man schon einmal hin, wenn der Verlag plötzlich aus heiterem Himmel nach vielen Jahrzehnten eine neue Blattstruktur verkündet:
http://verlag.faz.net/unternehmen/presse/pressemitteilungen/f-a-z-feuilleton-bekommt-neuen-platz-in-der-zeitung-12823345.html
Merkwürdigerweise beten alle, aber auch alle Mediendienste diese FAZ-Presseerklärung unkritisch nach, ohne sie verstanden zu haben, hier zum Beispiel Kress und DWDL.de stellvertretend für die ganze Medienjournaille:
http://kress.de/tagesdienst/detail/beitrag/125273-drucktechnische-optimierung-faz-feuilleton-bekommt-neuen-platz-in-der-zeitung.html
http://www.dwdl.de/nachrichten/44865/faz_erscheint_ab_samstag_mit_neuer_blattstruktur/
Denn bei der „drucktechnischen Optimierung“ (die „Süddeutsche Zeitung“ machte daraus: „optimierte Drucktechnik“, was leider etwas ganz anderes wäre, liebe Kollegen) geht es im Wahrheit um einen Sparkurs: Mit der neuen Buchfolge (Feuilleton als 2. und nicht mehr als 4. Buch) spart die FAZ schlicht Seiten ein. Oder um es noch einfacher zu sagen: Es fallen einige gewohnte Inhalte weg, z.B. im Finanzbereich oder offenbar auch die Netzwirtschaft-Seite am Montag.
Schon an diesem Samstag erschien die FAZ so „optimiert“ zu Lasten ihrer Leser mit gerade mal 32 Seiten im Hauptteil (plus Stellenanzeigen-Beilage). In der heutigen Montagsausgabe schrumpfte die Zeitung sogar auf 28 Seiten – das war vor der „Optimierung“ nicht möglich.
Nun ist die FAZ zweifellos immer noch eine sehr gute Zeitung, die ich auch weiterhin gern lesen werde. Mir gefällt aber als Leser nicht, wenn mich meine Zeitung verhohnepipelt. Und zweitens glaube ich: Diese „Reform“ funktioniert auf Dauer nicht. Die FAZ wirkt jetzt sehr, sehr dünn. Das ginge noch in Ordnung, wenn die geschrumpfte Seitenzahl mit einer besseren Abstimmung zwischen den Ressorts einher ginge. Das ist jedoch nach wie vor nicht der Fall: Die einzelnen Ressorts machen in der FAZ traditionell, was sie wollen – ohne Rücksicht auf die jeweils anderen Ressorts. Was in der heutigen Montagsausgabe dazu führt, dass ich vorne im Politikteil, hinten im Politikteil, im Feuilleton sowie im Wirtschaftsteil Artikel zum Thema Ukraine bekomme. Bei insgesamt 28 Seiten ist das viel zu viel – einfach leserunfreundlich.
Mein altes Handelsblatt geht da wesentlich klüger vor – und bündelt Themen für den Leser vorn in der Zeitung an einem Platz. Auch die FAZ wird bei schrumpfenden Seitenzahlen nicht umhin kommen, mehr über Ressortabstimmung und Blattführung nachzudenken.

 

Bernd Ziesemer

3 Kommentare

  1. Ist die Seitenzahl ein Kriterium für die Qualität der Zeitung? Sie scheinen das zu implizieren, ich würde jedoch anders herum argumentieren: pure Nachrichten bekomme ich überall, die Einordnung im typischen FAZ-Stil eben nur bei der FAZ – die darf dafür aber auch ein bisschen knapper werden, oder?

  2. Mir geht es einzig und allein darum, dass eine Zeitung bei Veränderungen am Blatt die Wahrheit sagen sollte. Und die FAZ redet in diesem Fall wortreich um die eigentliche Nachricht herum: Es gibt künftig weniger Platz – auch für Hintergrundberichte. Genau deshalb meine ich: Wenn die FAZ schon die Zahl ihrer Seiten verringert, müsste sie auch an ihrem Konzept feilen.

  3. Richtig beobachtet – und da „nicht kommuniziert“, fühlt mancher sich veralbert… Neben der „Netzwirtschaft“ vermisse ich die Plattenkritik-Seite, die Geisteswissenschaften mittwochs sind auch geschrumpft, der ganzseitige Beitrag auf der Rückseite des Feuilletonbuchs samstags fehlt, und die schon vor einer Weile aus der Samstags- in die Freitagsausgabe vorgeschobene ganzseitige Feuilletonreportage vermisse ich auch.

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