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Warum das Gerede über investigativen Journalismus nervt

In meiner 30jährigen Praxis als Journalist habe ich viele hart arbeitende Rechercheure unter meinen Kollegen getroffen und bewundert. Vielleicht nervt mich gerade deshalb das ständige Gerede in Deutschland über „investigativen Journalismus“.

Eigentlich sollte doch jeder Journalist, der etwas auf sich hält, ständig auf der Jagd nach exklusiven Geschichten sein. Oder zumindest: nach zusätzlichen exklusiven Elementen, wenn eine große Nachrichtengeschichte läuft. Meine alten Freunde beim „Wall Street Journal“ definieren Nachrichten bekanntlich so: Nachrichten sind nur die Geschichten, die irgendjemand nicht in der Zeitung sehen will. Also ist jede exklusive Nachricht, wenn sie relevant ist, ein Stück „investigativer Journalismus“. Heute ist mein Eindruck: Je weniger Journalisten noch Zeit haben, etwas zu recherchieren, umso mehr reden alle über „investigativen Journalismus“. Und mehr und mehr Redaktionen gründen spezielle Ressorts für „investigativen Journalismus“ und tun so, als ob damit alles erledigt wäre. Da beschleicht mich der Verdacht: Die Resttruppe in den jeweiligen Medien recherchiert gar nicht mehr, sondern verwurstet nur noch das digitale Dauerrauschen für die verschiedenen Kanäle. Schon die deutsche Definition des Begriffs ist merkwürdig:

http://de.wikipedia.org/wiki/Investigativer_Journalismus

Eine „langwierige und genaue Recherche“? Die findet sich hoffentlich nicht nur bei den wenigen Kollegen, die sich in entsprechenden Ressorts tummeln. Merkwürdig finde ich auch die Vereinsmeierei, die rund um „investigativen Journalismus“ in Deutschland getrieben wird – von Seminaren bis zu Stammtischen:

http://www.netzwerkrecherche.de/nr-Stammtische/

Die hart recherchierenden Kollegen, die ich früher beim „Wall Street Journal“ oder bei der „Financial Times“ getroffen habe oder auch beim „Spiegel“ oder dem „Manager Magazin“, machten wenig Gewese um ihre Arbeit. Und redeten über sich selbst niemals, aber auch niemals als „investigative Reporter“. Auch heute noch kenne ich einige Kollegen, die bescheiden ihre Arbeit machen (zum Beispiel bei meinem alten „Handelsblatt“). Seit die „Süddeutsche Zeitung“ mit ihrem „Investigativressort“ ein paar gute Geschichten ausgraben konnte, meinen aber alle: Das können wir nachmachen, gründen wir doch ein Ressort! Ich warte nur noch auf das Investigativteam der „Frau im Bild“. Einige der „Investigativ-Ressorts“, die mit großem Gestus ins Rennen gegangen sind, habe bisher nich allzu viele Exklusiv-Geschichten in ihre jeweiligen Blätter gebracht. Andere arbeiten nur Wikileaks-Papiere ab – eine echte Fleißarbeit, aber keine eigentliche Recherche.  Bescheidenheit und ein bisschen Selbstkritik fehlt. Einige der „ganz großen“ Investigativgeschichten, die in den letzten zwei Jahren auf dem Markt waren, entpuppten sich im Nachhinein als Rohrkrepierer. Erinnert sich noch irgendjemand an die große Oper in der „Süddeutschen Zeitung“ über „Steueroasen“? Der einzige namentliche Fall in dem Vielseiten-Opus war der verstorbene Gunter Sachs – und dieser Fall war, wie die Kollegen heute zugeben, leider falsch. Deshalb also die dringende Bitte: Etwas mehr recherchieren, etwas weniger Selbstvermarktung.

 

Bernd Ziesemer

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