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Ende der Ach-so-schön-Apps

Die Ach-so-schön-Apps mit möglichst vielen optischen Highlights und technischen Gimmicks waren bis vor kurzem schwer in Mode. Jetzt geht ihre Zeit offenbar schon wieder zu Ende.


Das ist jedenfalls mein Eindruck aus vielen Gesprächen, die ich in den letzten Wochen geführt habe. Als Multi-Funktions-Mensch bewege ich mich in ganz unterschiedlichen Sphären, die jedoch alle etwas mit Kommunikation zu tun haben: Als Autor schreibe ich für Verlage, als Berater rede ich mit Unternehmen, als Dozent unterrichte ich Journalismus und Unternehmenskommunikation. Doch wohin ich auch immer komme, empfange ich die gleichen Signale: Meine Gesprächspartner sehen aufgemotzte Magazin-Apps („All Singing and Dancing Show“ nannte sie ein Kollege bei meinem früheren Dienstherrn Hoffmann und Campe) inzwischen eher kritisch. Jedenfalls in den allermeisten Fällen.
Zum Beispiel meine Studenten an der International School of Management (ISM) in Hamburg, alle Anfang 20 und das, was man gemeinhin „digital natives“ nennt. Ja, sie alle nutzen viele Apps – von Spielen bis zu allen möglichen praktischen Nutzanwendungen. Aber seltsamerweise lesen sie so gut wie keine Magazin-Apps – und schon gar keine Bezahl-Apps.
In vielen Verlagen passiert ebenfalls etwas Interessantes: Die stinknormalen E-Paper-Angebote, die gedruckte Zeitungen und Magazine mehr oder weniger 1:1 ins Netz transformieren, florieren. Ach-so-schön-Apps mit vielen Zusatzfunktionen, Videos und all dem schönen Spaß, der technisch heute möglich ist, verkaufen sich dagegen eher mühsam. Mit anderen Worten: Der gemeine User verhält sich mal wieder ganz anders als erwartet.
Und auch die Unternehmen, die sich in den vergangenen zwei Jahren wie wild auf eigene Apps geworfen haben, stellen ernüchtert fest: Niemand lädt ihre Angebote herunter. Und wer sie herunter lädt, der nutzt sie nicht wirklich intensiv.
Was das Newsgeschäft betrifft, setzt sich in den USA bereits massiv die Erkenntnis durch, das man es vom Smartphone aus denken muss (und nicht vom Lean-Back-Medium iPad). Dazu erschien dieser Tag auf Spiegel Online ein interessantes Interview mit dem Boss der New York Times:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/interview-new-york-times-ceo-mark-thompson-ueber-nyt-now-a-961736.html
Was Magazine betrifft, lohnt es sich vielleicht doch wieder stärker auf simplere Angebote zu setzen. Vorbild hier: der britische Economist:
http://www.economist.com/digital/apps
Und was die Unternehmenskommunikation betrifft, so hilft alles nichts: Es ist an der Zeit, den Medienmix überhaupt noch einmal gründlich auf den Prüfstand zu stellen.

Bernd Ziesemer

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