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Warum mir die FTD fehlt

Nur wenige Medien verfügen über genug Leute, genügend Zeit und genügend Ressourcen für harte Unternehmensrecherchen. Das war schon einmal besser.
Gerade zurück von meinem zweitägigen Seminar an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Thema: Unternehmensrecherchen. War gar nicht so einfach, den jungen Kollegen praktische Ideen zu vermitteln, wie man auch an Pressesprechern vorbei Konzerne durchleuchten kann. Bei der Vorbereitung meines Seminars war ich in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften auf der Suche nach „echten“ News. Wie sagen doch meine alten Kollegen vom „Wall Street Journal“ immer? News is something that somebody does not want printed. Wahrscheinlich ein Zitat des amerikanischen Zeitungszaren William Randolph Hearst – aber so genau weiß man das nicht. Doch solche „echten“ News finde ich nur wenige. Man merkt: Den meisten Medien fehlen heute die richtigen Leute und ausreichende Ressourcen, um dicke Bretter zu bohren.

Vielen Exklusivnachrichten aus der Welt der Konzerne sieht man als Profi an, dass sie das Ergebnis eines Deals zwischen dem jeweiligen Journalisten und dem Pressemann sind. Deshalb tun sie den Unternehmen auch nicht wirklich weh.
Das war schon einmal anders: Zwischen 2003 und 2008 lieferten sich nicht nur das „Handelsblatt“ und die „Financial Times Deutschland“ ein Wettrennen um exklusive News aus den Unternehmen, auch das „Wall Street Journal Europe“ und die britische Mutter der FTD mischten kräftig mit. Angespornt durch diesen Wettbewerb schalteten sich auch andere überregionale Zeitungen und Zeitschriften verstärkt in die Jagd nach Unternehmensnachrichten ein, zum Beispiel die „Welt“ und der „Spiegel“. Natürlich kam es damals auch zu einigen Übertreibungen, die Fehler häuften sich und zu viele Falschmeldungen gerieten in die Zeitungen. Als Chefredakteur des Handelsblatts sorgte ich damals für eine Kurskorrektur – aber ohne die harten Unternehmensrecherchen wieder zurück zu drehen. Mein Eindruck ist: Die Medien insgesamt waren damals in der Unternehmensberichterstattung besser als heute. Natürlich gibt es immer noch und immer wieder Gegenbeispiele – man denke nur an die Handelsblatt-Enthüllungen über die Ergo-Versicherung oder die Welt-Geschichte über die unglaublichen Machenschaften bei ThyssenKrupp.
Aber unterm Strich war schon einmal mehr Druck auf dem Kessel. Das ist ja auch kein Wunder: Konkurrenz belebt das Geschäft. Das gilt auch für den Journalismus. Das ist einer der Gründe, warum ich die FTD heute vermisse, auch wenn ich sie Jahre lang beim Handelsblatt mit allen fairen Mitteln bekämpft habe. Mein alter Kollege Arno Balzer, früher Chefredakteur des „Manager Magazins“ und jetzt Herausgeber von „Bilanz“, wirbt mit dem Slogan: „Nicht kuratieren, sondern recherchieren“. Da ist etwas dran: Wir machen uns zu viele Gedanken über die mehrkanalmäßige Aufbereitung von vorhandenen Unternehmensnachrichten – und zu wenige Gedanken über die Entdeckung neuer.

Bernd Ziesemer

2 Kommentare

  1. Der Beitrag spricht mir aus dem Herzen. Ich war FTD-Abonnent der ersten Stunde und vermisse meine gedruckte Morgenlektüre. Seither nutze ich nurmehr mein ipad als Ersatzmedium morgens. Die FTD war kompakt und gehaltvoll zugleich. Da klafft eine Riesenlücke. Das schreit förmlich nach einer Online-Petition für ein Wiederbeleben der FTD!!

  2. Da kann ich Ihnen nur Recht geben, Herr Ziesemer.
    In meinem letzten Blogbeitrag „Verbraucherschutz ärgert Marketing“ komme ich im Nachtrag zu einem ähnlichen Ergebnis.
    Von Ihrem Beitrag habe ich erst heute durch Kress.de erfahren.
    Bleibt zu hoffen, dass bei den Nachwuchsjournalisten etwas von Ihrer Erfahrung haften bleibt.

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