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Im Medienzirkus der Eitelkeiten

Wir Journalisten sind doch alle, sagte mein Lehrmeister Wolf Schneider damals uns Volontären vom 2. Lehrgang, eitle Gesellen. Wohl wahr – ich nehme mich selbst dabei nicht aus. Aber müssen wir uns wirklich so sehr in den Vordergrund spielen wie heute? Interessieren unsere Selfies wirklich den Leser?


Es gab Zeiten, da waren Fotos des Chefredakteurs im eigenen Blatt verpönt – mit Ausnahme vielleicht eines Interview-Bilds. Man drängte sich auch nicht ins Fernsehen – mit Ausnahme vielleicht des Presseclubs. Man zeigte sich schon gar nicht auf dem roten Teppich – mit Ausnahme vielleicht des Berliner Presseballs.
Heute ist alles anders. Man muss sich nur einmal diesen Text zu Gemüte führen, der heute in der Zeitschrift „Werben und Verkaufen“ erschienen ist:
http://www.wuv.de/agenturen/kollegen_kultur_was_bei_thjnk_jetzt_alles_anders_ist
Interessieren sich die Leser dieses Magazins wirklich für die Tatsache, dass ein Reporter seine Fragen bei „Rosé und Chèvre Chaud“ absäuselt? Wollen sie wirklich wissen, wie man mit dem Boot vor Cannes liegt, um sich von ein paar Werbern bespaßen zu lassen? Für mich ist der ganze Artikel ein Musterbeispiel für einen Medienzirkus der Eitelkeiten, der sich nur noch mit sich selbst beschäftigt.
Die sozialen Medien verstärken den Hang zu leerer Selbstdarstellung und peinlicher Selbstüberhöhung. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Twitter und Facebook sind heute wichtige Instrumente für Journalisten – es ist nicht nur legitim, sondern unabdingbar eigene Kommentare und Artikel so gut wie möglich zu vermarkten. Aber man sollte diese professionelle Notwendigkeit nicht mit dem Zwang verwechseln, sich zum öffentlichen Affen zu machen. Wer mag, soll meinetwegen auch seine Urlaubsfotos und sein Foodporno verbreiten. Aber Leser gewinnt man damit nicht.

Bernd Ziesemer

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