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Ranglisten ohne jeden Wert

Viele Medien erregen sich über die manipulierten Ranglisten im Fernsehen. Aber sollten wir uns nicht an die eigene Nase fassen? Auch seriöse Zeitung und Zeitschriften bringen häufig Rankings ohne jeden Nachrichtenwert.
Ich empfehle jedem Chefredakteur, sich mal die Rankings im eigenen Blatt kritisch anzuschauen, statt nur mehr oder weniger kluge Kommentare zu den manipulierten Hitlisten im Fernsehen zu schreiben (hier der neuste Stand der Debatte über die Verfehlungen der TV-Kollegen: http://www.horizont.net/aktuell/medien/pages/protected/Redaktionelle-Eingriffe-Auch-WDR-HR-und-RBB-haben-Ranking-Shows-manipuliert_121784.html )
Drei Fragen sind bei jedem Ranking zu beantworten: 1. Sind die Daten wirklich repräsentativ? 2. Ist das Ranking möglicherweise interessengesteuert? 3. Stimmt die Systematik?
Schon beim ersten Kriterium scheitern 90 Prozent aller Ranglisten – weil sie kein repräsentatives Bild bieten. Online-Umfragen sind generell NICHT repräsentativ für die deutsche Bevölkerung und die allermeisten Zielgruppen (hier dazu eine wissenschaftliche Übersicht der Universität Trier: http://www.uni-trier.de/fileadmin/fb4/prof/SOZ/MES/Lehre/SS11/Einfuehrung_Onlinebefragungen.pdf )
Erst recht sind Social-Media-Umfragen NICHT repräsentativ – nicht einmal für „digital natives“. Jeder Marktforscher weiß das – trotzdem sind Tausende sogenannter Studien im Umlauf, die so tun, als ob sie repräsentative Aussagen treffen.
Viele Rankings sind auch interessengesteuert: Man befragt nur die eigenen Kunden oder Unternehmen, die für die Teilnahme an der Umfrage bezahlen. Das gilt praktisch für alle „Beste-Arbeitgeber-Umfragen“, die im Umlauf sind: Die Unternehmen müssen eine Gebühr zahlen, um mitzumachen. Kein Wunder, dass am Schluss merkwürdige Ergebnisse dabei herauskommen. Glaubt jemand ernsthaft, dass die völlig unbekannte Firma Star Finanz wirklich der beliebteste Arbeitgeber in Hamburg ist? Dieses Ranking gaukelt es uns vor: http://www.kununu.com/news/hamburg-die-besten-arbeitgeber/
Bei vielen Rankings in der Wirtschaftspresse mangelt es auch an Systematik. Schon die allseits beliebte Frage „Wer sind die größten Unternehmen Deutschlands“ ist gar nicht einfach zu beantworten: Rechnet man nach Umsatz? Beschäftigungszahlen? Rechnet man Tochterunternehmen mit oder nicht? Noch schwieriger wird es bei der Frage nach den „wertvollsten“ Unternehmen. Geht man nach dem Börsenwert, so ist der Stichtag entscheidet. Und was ist dann mit Konzernen im Familienbesitzt, die nicht an der Börse notiert sind? Noch schwieriger wird es bei internationalen Vergleichen, wenn unterschiedliche Währungen ins Spiel kommen.
Früher gab es in Wirtschaftsredaktionen lange Diskussionen über die richtige Systematik von Rankings. Ich erinnere mich noch gut daran, wie viel Arbeit Olaf Storbeck in die Entwicklung des ersten deutschen Ökonomen-Rankings beim Handelsblatt stecken musste. Denn die Forschungsleistung von Wissenschaftlern ist nur sehr schwer zu messen. Mein Eindruck ist: In Zeiten des schnellen Online-Journalismus geht der kritische Umgang mit Ranglisten völlig verloren. Da sie sich gut klicken, kommen die merkwürdigsten Rankings auf die Sites – und oft auch ins Print-Produkt. Wir reden viel über „Daten-Journalismus“ – ohne uns klar zu machen, wie schwierig die Erhebung repräsentativer Daten wirklich ist.

Bernd Ziesemer

Ein Kommentar

  1. In meinem für meine Meinung repräsentativen Ranking der besten Blog-Entdeckungen der letzten 13 1/2 Monate liegen Sie auf alle Fälle auf Platz 1, lieber Herr Ziesemer – knapp vor Jens Rehländer. :-)

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