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Ach, mein SPIEGEL

Seit über 40 Jahren lese ich Woche für Woche den „Spiegel“. Früher war ich mit der Lektüre einen ganzen Abend beschäftigt. Jetzt bin ich immer schneller durch: So viel Belangloses, so viel wiedergekäutes Zeug. Zum ersten Mal überlege ich, ob ich den „Spiegel“ wirklich noch lesen muss.

Die jetzt erschienene Ausgabe ist ein besonders misslungenes Exemplar. Schon die kraft- und saftlose Titeloptik (http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2014-46.html ) turnt ab. Und die These der Titelgeschichte? Alle jungen Deutschen zwischen 18 und 30 „unkritisch, ehrgeizig, unpolitisch“? Eine typische Früher-war-alles-Besser-Wisser-Geschichte, wie man sie alle paar Jahre wieder im Spiegel lesen kann. Selbst die Schlagzeile („Generation Merkel“) gab es schon ein Dutzend Mal vorher – zum Beispiel in einem Handelsblatt-Essay von mir im Jahre 2009: http://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/essay-generation-merkel-unsere-krise-seite-all/3136186-all.html

Typisch für den „Spiegel“ mittlerweile: Man hat es irgendwo schon gelesen. Vielleicht nicht so lang, vielleicht mit weniger Details, aber im Kern sind ganz viele „Spiegel“-Geschichten alt. Wo entdeckt die Zeitschrift wirklich noch neue Trends, wo bleiben echte Exklusiv-Geschichten? Stattdessen ein Artikel über Jean-Claude Junker und das Steuerparadies Luxemburg (Seite 22), der auf Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ basiert. Oder eine große Geschichte im Wirtschaftsteil (Seite 82/83) über die Folgen der niedrigen Ölpreise, die vorher schon im „Economist“ zu lesen war: http://www.economist.com/news/international/21627642-america-and-its-friends-benefit-falling-oil-prices-its-most-strident-critics Und ebenfalls vorher im „Economist“ mit der gleichen These ein paar Wochen früher zu lesen als im „Spiegel“ die Geschichte über Chinas „neuen Kaiser“ Xi Jinping (Seite 90f): http://www.economist.com/news/leaders/21618780-most-powerful-and-popular-leader-china-has-had-decades-must-use-these-assets-wisely-xi Und last but not least einen Wissenschaftsaufmacher über die geplante Landung auf dem Kometen 67P (Seite 124), die ich mit gleichem Inhalt und ähnlicher Grafik bereits aus der Lektüre meiner Sonntagszeitung kenne.

Natürlich gibt es immer noch gute Geschichten im „Spiegel“, auch in dieser Ausgabe. Beispielsweise die Geschichte „Mein Opa, der Peschmerga“ über drei Generationen kurdischer Kämpfer. Oder das Stück über die veränderte Rolle des Bundespräsidenten im Machtkalkül Angela Merkels.

Es gibt die guten Geschichten, aber es sind zu wenige. Viel zu wenige.

 

Bernd Ziesemer

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