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Die Hungertuch-Korrespondenten

Die Auslandsberichterstattung der deutschen Medien leidet zunehmend unter dem allgemeinen Sparzwang. Die Folge ist eine Mischung aus „Jetlag Journalism“ und Kleinkleinquatsch.
Als ich in den frühen 80er Jahren als Journalistenschüler den ersten Auslandskorrespondenten begegnete, war ich schwer beeindruckt. Bei einer Redaktionskonferenz saßen vor mir echte Herren (seltener Damen), weltläufige Dandys und überaus gelehrte Landeskenner, die an ihren jeweiligen Standort Hof hielten wie der deutsche Botschafter (mit dem sie nicht selten auf Du und Du waren). Wer erinnert sich noch an solche Typen wie Tiziano Terzani oder Peter Seidlitz, der Hals über Kopf aus Moskau fliehen musste? Zugegeben: Viele der Kollegen waren etwas zu eitel, einige konnten auch nicht besonders gut schreiben. Aber so ziemlich alle wussten, worüber sie schrieben. Und vor allem beackerten sie noch Berichtsgebiete, die überschaubar waren. Denn es gab damals viele, viele Auslandskorrespondenten.
Heute leisteten sich die wenigsten Medien noch ein flächendeckendes Korrespondentennetz. Wer von Staatsgeldern lebt, wie zum Beispiel die ARD, gibt immer noch relativ viel Geld für Auslandsberichterstattung aus (allein 26 Fernsehbüros: http://korrespondenten.tagesschau.de/tokio-fernsehen/ ). Printmedien können dabei kaum noch mithalten. Fast alle überregionalen Zeitungen und meinungsbildenden Zeitschriften haben ihrer Netz in den letzten zehn Jahren massiv ausgedünnt – selbst der „Spiegel“ (der allerdings immer noch viele gute Korrespondenten beschäftigt: http://www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/home.nsf/Navigation/AE132027B18FE15AC12573FB00434ACF?OpenDocument )
Das größte (und wahrscheinlich beste) Netzwerk unterhält eine Schweizer Zeitung – die NZZ. Wer die Zeitung regelmäßig liest, weiß diese Stärke zu schätzen. Leider lesen sie nur sehr wenige Deutsche. (hier das Impressum mit den Auslandsbüros: http://www.nzz.ch/impressum  ).
Den Kolonialherren als Korrespondenten gibt es schon lange nicht mehr. Meist sind es sehr junge Kollegen, die Chefredaktionen noch ins Ausland schicken – als sogenannte Pauschalisten. Oft bekommen sie nicht mehr als 1.000 oder 2.000 Euro im Monat – und den guten Rat, sich halt noch weitere Kunden zu suchen. Inzwischen beschäftigen selbst renommierte Medien wie die „Zeit“ solche Hungertuch-Korrespondenten, die völlig ohne festes Büro und eingespielten Apparat vor Ort auskommen müssen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen – oft sollen die freien Korrespondenten nicht nur Print bedienen, sondern auch Online. Und immer größere Berichtsgebiete beackern (beispielsweise ganz Afrika), ohne jedoch viel zu reisen (was zu teuer wird). Da berichtet dann der Korrespondent aus Südafrika über die aktuellen Unruhen in Libyen – ohne den Schimmer einer Ahnung oder gar eigene Beobachtungen vor Ort.
Ich habe schon vor vielen Jahren, als diese Entwicklung immer deutlicher wurde, den angelsächsischen Begriff des „Jetlag Journalism“ in die Debatte geworfen (hier ein Journalismus-Handbuch dazu: http://www.journalismus-handbuch.de/jetlag-journalismus-1293.html Seitdem hat sich leider alles weiter verschlimmert.
Natürlich gibt es immer noch viele sehr gute Auslandskorrespondenten in Deutschland – festangestellte und freie. Aber bei jeder Abbaurunde werden es weniger. So munkelt man beispielsweise in verschiedenen Mediendiensten, die FAZ werde sich von weiteren Korrespondentenstellen trennen. Korrespondentenplätze zu streichen, das ist für Chefredakteure in Sparrunden oft die einfachste Übung. Auch ich habe in meiner Zeit als Handelsblatt-Chef gesündigt (insgesamt allerdings das Korrespondentennetz gegen einen sparwütigen Geschäftsführer verteidigt).
Wie immer in den Medien, stellt sich Qualitätsverlust nur schleichend ein. Die großen Hintergrundberichte und Porträts, die ich als Handelsblatt- und Wirtschaftswoche-Mann in Moskau und Tokio noch in Ruhe recherchieren konnte, liest man schon jetzt immer seltener. Stattdessen müssen die Auslandskorrespondenten irgendwelche Quotes und Details für Großgeschichten heranschaffen, die irgendjemand in der Zentrale dann mehr oder weniger gut zusammenschreibt. Diese Tendenz treibt den zweiten Sargnagel in die Auslandsberichterstattung (neben dem allgemeinen Sparzwang). Viele Redaktionen setzen, so glaube ich, die falschen Prioritäten.

Bernd Ziesemer

3 Kommentare

  1. Das ist aber jetzt mit viel, viel Streicheleinheiten und der medientypischen rosaroten Brille geschrieben. Ich kenne den Betrieb zwar nur von außen, aber ich lese täglich die Ergebnisse. Und da fällt auf, dass man in deutschen Zeitungen immer schlechter informiert wird, als bei Lektüre der maßgeblichen ausländischen Zeitungen. Das war früher, gerade bei der NZZ, nicht der Fall, aber das Niveau der Berichterstattung sinkt quasi von Woche zu Woche. Als ich noch Student war, konnte die NZZ mit der NYT (bzw. IHT) locker mithalten, jetzt befindet sie sich im Wettlauf mit der FAZ , wer schneller die Grundlinie der beiden größten deutschen Provinzzeitungen (die SZ und Die Zeit) erreicht. Der Grund ist die grandiose Einseitigkeit der deutschen Auslandskorrespondenten, bei denen man ein unabhängiges Urteil eher selten vernimmt. Geschrieben wird, was das Publikum (angeblich) verlangt. Entsprechend gering ist der Nutzen für den Leser. Seitdem Deutschland in zentralen Technologiefeldern praktisch abgehängt ist, ist es auch mit der großen Wirtschaftsberichterstattung essig. Das will doch keiner in Deutschland lesen. Statt dessen wird Nischenberichterstattung über deutsche Mittelständler und Kleinsterfindungen betrieben. Beim Handelsblatt ist die Selbstverzwergung ja mit Händen zu greifen (Gabor Steingart natürlich ausgenommen, der macht sich immer größer, als er ist). Deshalb wissen Economist-Leser mehr, Spiegel-Leser eher weniger von der Welt. Schlaue FAZ-Leser (das sind die, die jetzt scharenweise kündigen) lesen natürlich auch die ausländischen Zeitungen ihres Interessensgebiets, weil sie das Elend des deutschen Journalismus aus eigener Erfahrung kennen. Genau genommen haben z.B. Spiegel-Korrespondenten nur die Aufgabe, zu gesetzten Themen Stories und Bilder zu liefern. Aus erster Hand und authentisch, aber im Grunde völlig irrelevant. Vertiefte Kenntnisse des Landes sind dafür nicht vonnöten, manchmal geradezu hinderlich.
    Was ich damit sagen will. Es ist nicht vorwiegend ein Geldproblem; die Deutschen interessieren sich einfach nicht für die Geschehnisse in der realen Welt. Ihnen – und den Zeitungsredaktionen – reicht die Welt, die sie sich zurecht gemacht haben, völlig aus. Deutschland internationalisiert sich, und die Deutschen werden immer provinzieller. Die Presse folgt damit dem Takt, der von den Führungsgruppen der Gesellschaft, also auch von denjenigen, die in Deutschland die Meinungen machen, angeschlagen wird. Hier muss amn meines erachtens ansetzen, wenn man nach Erklärungen sucht.

  2. Tendenziell richtig beobachtet und zugleich bedauerlich: Redaktionen bauen Korrespondentennetze ab, der mit dem Konsul speisende Herr Dr. Tagesblick stirbt aus. Dafür gibt es andere Bewegungen, die in Ihrem Beitrag fehlen: Das http://www.weltreporter.net, zum Beispiel, ein Korrespondentennetzwerk freier Autoren, die seit 10 Jahren für deutschsprachige Medien aus über 160 Ländern berichten. Zum Glück nagen (noch) nicht alle von uns am Hungertuch… auf jeden Fall nicht täglich ;-) Schauen Sie mal vorbei!

  3. Gut beobachtet, aber leider kommt zu kurz, dass es früher dauerte bis man als Dr. Tagesblick oder Mr. Dandy zum Korrespondenten wurde – erst musste man sich durch die Hierarchien arbeiten und sich zuvor zuhause einen Namen machen. Nicht immer gingen so die besten und waghalsigsten nach Moskau oder Washington, sondern die, die mit dem Chef am besten konnten.

    Im Internet-Zeitalter können sich dagegen auch junge Journalisten den Traum vom Korrespondentendasein erfüllen und einfach hingehen, wo sie es spannend finden und leben möchten. Dabei hilft ihnen, dass Redaktionen sich festangestellte Korrespondenten sparen.

    Ich bezweifle auch, dass diese jungen Kollegen schlechtere Arbeit machen als die “echten Herren” und “gelehrten Landeskenner”: Sie gehen oft mit offenen Augen die Welt, haben weniger Vorurteile und recherchieren angestrengt, statt mal eben ihr weitgereistes Hirn leer zu schreiben und mal wieder den Herrn Konsul anzurufen.

    Solche Korrespondenten haben’s vielleicht und besonders am Anfang wirtschaftlich schwerer, aber schlechtere Arbeit machen sie nicht unbedingt. Und es gibt eine ganze Reihe von Beispielen, die zeigen, dass man auch als freier Korrespondent gut leben kann – oder warum kommen die Leute von New York German Press, die Weltreporter oder Wirtschaftspresse Bangkok nicht bettelnd nach Deutschland zurück?

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