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Talkshows ohne Erkenntnisgewinn

Günter Jauchs Sendung am Sonntagabend war ein Musterbeispiel für die Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit sich dem Thema Russland mit den Mitteln des Unterhaltungsfernsehens zu nähern. Den Redakteuren war es zwar gelungen, sehr interessante Gäste zusammen zu holen. Aber der überforderte Talkmaster scheiterte an dem Versuch, sie auch ins Gespräch zu bringen.

Beim Casting für solche Talkshows geht es um die Besetzung klar definierter Rollen. Der eine spielt den Putin-Versteher, der andere den emotionalen Ankläger. Am undankbarsten ist in diese Zeiten die Rolle des „offiziellen Russen“, der von Anfang an im Zwielicht steht. Das Problem bei Jauch: Die Personen, die in der Talkshow zusammen kamen, entzogen sich einem simplen Rollenverständnis.
Da war Schanna Nemzowa, die allein die „Rolle“ der trauernden Tochter spielen sollte. Aber die 31jährige Russin engagiert sich selbst seit vielen Jahren politisch, kandidierte bereits für ein Duma-Mandat und gehört als Moderatorin des Wirtschaftssenders RBK zu den bekanntesten Journalistinnen des Landes. Da war Alfred Koch – eine schillernde Figur der russischen Politik und des russischen Wirtschaftslebens seit Beginn der neunziger Jahre: eine Zeitlang Chefprivatisierer der Regierung, Stellvertretender Ministerpräsident, Geschäftsmann, Flüchtling, Drahtzieher der Opposition. Und da war auch noch der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow. Jauch machte ihn zum Helden der demokratischen Opposition, zugleich aber war Kasparow auch bei jeder unrühmlichen Spaltung der Opposition in den letzten 25 Jahren dabei – ein Egomane sondergleichen.
Mit jeder einzelnen der drei Hauptpersonen der Talkshow (und auch mit den anderen Teilnehmern) wäre ein spannendes Gespräch möglich gewesen – aber eben nicht mit allen zusammen. Hinzu kommt: Jauchs Sendung war äußerst schlecht vorbereitet – angefangen bei den angeblichen zehn Opfern Putins, die sich in Wahrheit nur schwer allesamt unter der Rubrik „Gefährliche Kritiker Putins“ einsortieren lassen.
So wurde wieder einmal zur besten Sendezeit die Chance vertan, den Zuschauern zu einem Erkenntnisgewinn in Sachen Russland zu verhelfen. Schade.

Bernd Ziesemer

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