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Viel Papier, wenig Einsicht

Die Wirtschaftsredaktionen der Republik waren in dieser Woche mit zwei Themen beschäftigt: der Aktion Ratzeputz bei der DEUTSCHEN BANK und den immer neuen Weiterungen des Dieselskandals im VW-KONZERN. Besonders bei der DEUTSCHEN BANK konnte man ein Phänomen beobachten, dass mir schon seit geraumer Zeit auf den Geist geht: Wenn die Zeitungen ein Thema für „wichtig“ erklären, schütten sie die Seiten mit einer möglichst hohen Zahl von Artikeln zu.

Leider gilt bei den „Schwerpunkten“ und „Sonderseiten“ oft die Devise: Viel Papier, wenig Einsicht. So auch bei der DEUTSCHEN BANK: Was an Fakten zu lesen war, ging nicht wesentlich über die Pressemitteilung hinaus (hier: https://www.db.com/medien/de/content/5060_5257.htm ). Selbst naheliegende Fragen stellte leider niemand in der Tagespresse: Wieso, verdammt noch einmal, gab es bisher 16 Vorstandsausschüsse bei der Bank? Und wieso braucht sie immer noch 10? Und was machen die überhaupt?
Auch die vielen angeblichen Portraits der Auf- und Absteiger waren praktisch ausschließlich verlängerte Versionen der offiziellen Lebensläufe, selbst beim Chef JOHN CRYAN. Das Problem: Bisher kommt praktisch niemand an den Mann ran. Den Briten als öffentlichkeitsscheu zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Fast könnte man meinen, CRYAN gibt es gar nicht. Eigentlich wäre das ein Fall für den Investigativ-Reporter der WELT, den geschätzten Kollegen Jörg Eigendorf. Doch leider geht der Mann jetzt ja selbst zur DEUTSCHEN BANK und fällt daher leider für eine schöne Hintergrundreportage über CRYAN aus. Vorerst jedenfalls.
Wenn wir aber schon nichts wissen, was über die offiziellen Pressemitteilungen hinausgeht, dann könnten wir ja wenigstens intelligente Kommentare schreiben. Doch leider klatschen mal wieder alle Beifall – ob HANDELSBLATT oder FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Ob CRYANS neue Organisation tatsächlich künftig weniger Skandale und mehr Shareholder Value produziert, dazu war wenig Erhellendes zu lesen. Außer in der FINANCIAL TIMES: Dort herrscht Skepsis. Unter Joe Ackermann und Anshu Jain war die DEUTSCHE BANK ein „Flow Monster“ – die Gewinne kamen (und kommen immer noch) vor allem aus dem Handel mit festverzinslichen Papieren. Dort aber legt CRYAN jetzt Hand an. Die FT-Kollegen bezweifeln daher, dass sein Kurs wirklich nachhaltig Wert schaffen wird.
Und bei VW? Auch nichts wirklich Neues diese Woche. Wer der oberste Bösewicht war – wir wissen es immer noch nicht. Der SPIEGEL orakelte über 30 Leute, die angeblich die Hände im Spiel hatten. VW dementierte. Wird wohl noch etwas dauern, bevor wir mehr erfahren. Der schönste Kommentar zum Thema #dieselgate stammt diese Woche bezeichnenderweise von keinem Journalisten, sondern dem Aufsichtsratsvorsitzenden eines Kettensägenherstellers: NIKOLAS STIHL nennt den Betrug bei VW ein „Gaunerstück“ (in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG vom Donnerstag). So ist es.

Bernd Ziesemer

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